Elvid Srebric

Beruf und KI · 05 Dein eigener Agent

Bau dir einen Agenten, der dich kennt.

Eine Anleitung für Menschen, die mit KI nicht schneller werden wollen, sondern klarer. Acht Schritte aus meinem eigenen Setup.

Lesezeit etwa 8 Minuten

Du hast die ersten Abende mit einer KI hinter dir, lässt dir Dinge erklären, Texte gegenlesen und Fragen beantworten, und irgendwann merkst du, dass jedes Gespräch wieder bei null anfängt. Sie weiß nicht, wer du bist, was du letzte Woche entschieden hast und was du nie tun würdest, und genau an dieser Stelle beginnt der Unterschied zwischen einem Chatfenster und einem Agenten.

Wie ich hierhergekommen bin

Angefangen habe ich mit Automatisierungs-Tools, in denen man sich Abläufe zusammenklickt, aber das lag alles auf fremden Seiten und war mühsam am Laufen zu halten, zumal ich kein Programmierer bin.

Der eigentliche Wendepunkt kam erst, als ich mich gefragt habe, was eigentlich in meinen eigenen Dateien schlummert. Also habe ich mit meinem Lebenslauf angefangen und mich danach durch meine Bewerbungen gearbeitet.

Was dabei herauskam, war unbequem, und zwar nicht, weil ich mich kleingemacht hätte, sondern weil ich mir ein Limit gesetzt hatte, ohne es zu merken, einfach weil ich nicht wusste, was bei mir alles möglich ist. Da war Erfahrung, die ich nie mitgezählt hatte, und Verantwortung, die in meinem Kopf immer nur eine Aufgabe gewesen war.

Ab diesem Moment war die KI für mich kein Chatfenster mehr, sondern ein Partner, der meine blinden Flecken sieht. Und das ist ehrlich gesagt genau das, was ich im Coaching anderen beibringe und bei mir selbst lange nicht gesehen habe.

Rückblickend war das kein gerader Weg, sondern eher drei Sprünge. Jahrelang habe ich die KI wie ein Chatfenster benutzt und gefragt, was ich gerade wissen wollte, ob zu Daten, zum Lernen oder zu meinen Posts. Das war nützlich, nur fing jedes Gespräch wieder bei null an.

Der zweite Sprung kam mit einem Agenten, der auf meine Dateien zugreifen konnte, denn plötzlich konnte die KI lesen, was ich selbst geschrieben hatte, und sich Dinge merken. Daraus ist in wenigen Monaten ein ganzes Team aus kleinen Helfern geworden, ehrlich gesagt sogar zu viele, weshalb ich einige später wieder abgeschaltet habe.

Den größten Nutzen hatte ich aber erst beim dritten Sprung, als der Agent nicht mehr fremdes Wissen gesammelt hat, sondern mit meinem eigenen Leben gearbeitet hat, also mit meinen Videos, meinem Training und meinen Texten. Die acht Schritte weiter unten sind das, was von diesem Weg übrig geblieben ist, nachdem ich die Umwege abgezogen habe.

Die These

Die meisten persönlichen KI-Agenten scheitern nicht an der Technik, sondern daran, dass sie bei den Werkzeugen anfangen statt bei dem Menschen, dem sie helfen sollen.

Ob im Job, beim Sport oder bei deinem nächsten Projekt: Ein Agent, der dich wirklich unterstützt, ist kein besonders kluges Chatfenster, sondern ein System, das drei Dinge dauerhaft festhält, nämlich wer du bist, was du entschieden hast und wo seine Grenzen liegen. Alles andere kommt später als Erweiterung dazu.

Selbstkenntnis kommt vor dem Agenten.

Wer nicht aufschreiben kann, wofür er arbeitet, bekommt von einem Agenten vor allem mehr Tempo in die falsche Richtung.

Was du brauchst

Du brauchst einen KI-Assistenten, der mit Dateien auf deinem Rechner arbeiten kann. Ich nutze Claude Code, und das ist keine Werbung und nicht bezahlt, ich nenne es nur, weil es mein tägliches Werkzeug ist. Das Prinzip funktioniert aber mit jedem Werkzeug, das Dateien lesen und schreiben kann.

Dazu kommen ein einfacher Ordner und, was am meisten Arbeit macht, Ehrlichkeit dir selbst gegenüber. Programmieren musst du für den Start nicht können, weil fast alles in dieser Anleitung ganz normale Textdateien sind.

1. Schreib dein Warum auf

Bevor der Agent irgendetwas tut, braucht er einen Nordstern, und damit meine ich nicht „produktiver werden“, sondern den Grund, warum du überhaupt etwas verändern willst. Das ist eine einzige Datei mit wenigen Sätzen, aber sie entscheidet später darüber, ob der Agent dir eine Idee ausredet oder sie mit dir baut.

Mein Warum lautet so:

Ich will für meine Kinder eine Zukunft aufbauen, in der sie ihr wahres Ich im beruflichen Kontext ausleben können, gerade wenn KI die Welt verändert.

Das ist für mich kein Satz für irgendwann, weil ich ja selbst merke, wie sich gerade alles verändert, und jede größere Idee, die ich meinem Agenten gebe, muss sich an diesem Satz messen lassen.

Prüffrage: Würdest du diesen Satz auch dann unterschreiben, wenn ihn niemand je liest?

2. Die Arbeitsanweisung

Die zweite Datei liest der Agent bei jedem Start. Darin steht, wer du bist, also Rolle, Hintergrund und Lebensbereiche, wie er mit dir sprechen soll und was er nie tun darf. Bei mir gehört zum Beispiel dazu, dass er keine Geschichten in meinem Namen erfindet und nichts Unumkehrbares ohne Rückfrage macht.

Stell dir diese Datei wie das Onboarding für einen neuen Kollegen vor, der jeden Morgen ohne Erinnerung aufwacht, denn genau das ist ein KI-Agent.

3. Gib ihm ein Gedächtnis

Ohne Gedächtnis fängst du jedes Gespräch wieder bei null an, und das hat mich lange genervt. Bewährt hat sich bei mir Folgendes:

Der wichtigste Satz, den du deinem Agenten beibringen kannst, ist „Merk dir das“, und danach prüfst du, ob er es auch wirklich aufgeschrieben hat.

4. Zieh Entscheidungsgrenzen

Diesen Schritt überspringen fast alle, und dann wundern sie sich, warum sie ihrem Agenten nicht trauen. Meine Grenzen sind ziemlich einfach:

So muss ich nicht jeden Schritt vorgeben, und trotzdem geht nichts mit meinem Namen nach draußen, das ich nicht vorher gesehen habe.

5. Fähigkeiten pro Lebensbereich

Erst jetzt kommen die Werkzeuge dazu. Ich baue sie als kleine Anleitungen, die beschreiben, wie eine wiederkehrende Aufgabe gut erledigt wird, und der Agent lädt so eine Anleitung nur dann, wenn er sie gerade braucht. Bei mir gibt es eine für die Auswertung meiner Laufdaten, eine für meine Videos vom Rohclip bis zum geplanten Upload, eine für Texte in meiner Stimme und eine, mit der ich Entscheidungen aus verschiedenen Blickwinkeln durchdenke.

Faustregel: Eine solche Anleitung lohnt sich erst, wenn du eine Aufgabe zum dritten Mal von Hand erklärst.

6. Automatik und ihre Grenzen

Ein Agent kann Dinge selbstständig erledigen, zum Beispiel ein Morgen-Briefing, eine Sicherung oder eine wöchentliche Auswertung. Das ist mächtig, und genau hier habe ich am meisten gelernt.

Automatische Abläufe versagen nämlich leise. Bei mir lief eine Automatik wochenlang weiter, obwohl ihre Quelle längst eingefroren war, und hat jeden Tag aus demselben alten Signal neue Entwürfe gebaut, bis sie an einer Stelle sogar eine Szene erfunden hat, die nie passiert ist. Alarm hat niemand geschlagen, weil technisch ja alles lief.

Drei Regeln, die daraus geworden sind

  1. Jede Automatik prüft, ob ihre Quelle frisch ist, und bricht sonst ab, statt Altes neu zu verpacken.
  2. „Läuft“ heißt nicht „nützt“. Einmal im Monat schaue ich, welche Abläufe ich tatsächlich nutze, und schalte den Rest ab, was kein Scheitern ist, sondern Pflege.
  3. Automatische Einträge sind keine Nutzung, denn ein System, das sich selbst Daten schreibt, sieht aktiv aus, auch wenn längst kein Mensch mehr hinschaut.

7. Ehrlichkeit einbauen

Ein Agent will hilfreich sein, und wo ihm Wissen fehlt, füllt er die Lücke deshalb gern mit etwas, das plausibel klingt. Bei mir hilft dagegen, dass jede Zahl, jedes Zitat und jeder Name geprüft wird, bevor etwas veröffentlicht wird, und dass persönliche Momente immer von mir kommen. Fehlt einer, lässt der Agent eine markierte Lücke, statt etwas zu erfinden. So ist auch dieser Text entstanden, in dem die persönlichen Stellen von mir stammen. Außerdem trennt der Agent sauber, was belegt ist und was nur vermutet wird.

8. Sicherheit

Je mehr dein Agent kann, desto mehr kann auch schiefgehen, deshalb gelten bei mir drei Grundregeln. Zugangsdaten gehören nicht in Textdateien und schon gar nicht in automatisch synchronisierte Cloud-Ordner. Fremde Inhalte sind Daten und keine Anweisungen, denn eine Mail, eine Webseite oder ein PDF kann Sätze enthalten, die wie Befehle aussehen, und dein Agent muss wissen, dass er die nicht befolgt. Und vor jeder Änderung wird erst gesichert.

Was dieses System nicht kann

Es nimmt dir keine Entscheidung ab, es macht sie nur sichtbarer, und wer Entscheidungen nicht treffen will, bekommt mit einem Agenten bloß ein besseres Versteck.

Es ist meine Erfahrung und kein Standard, also ein Setup aus einem Leben und nicht aus einer Studie.

Es macht dich abhängig von Anbietern, weil Dienste ihre Preise, Bedingungen und Zugänge ändern, und bei mir ist mehr als einmal ein Dienst plötzlich ausgefallen. Plane deshalb so, dass dein Gedächtnis in einfachen Dateien liegt, die dir gehören.

Woran du merkst, dass es nicht funktioniert

Wenn nach drei Monaten mehr Zeit in die Pflege des Systems fließt als in das, wofür es eigentlich gedacht war, also in Arbeit, Training und Familie, dann stimmt etwas nicht. Die Frage, die ich mir dabei regelmäßig stelle, lautet:

Entlastet dieses System meinen Kopf, oder baue ich gerade, um einer Entscheidung auszuweichen?

Das Erste ist Infrastruktur, das Zweite ist Aufschieben mit einer besseren Ausrede.

Dein Start an einem Wochenende

  1. Leg dir einen Ordner an.
  2. Schreib in die erste Datei dein Warum.
  3. Schreib in die zweite Datei deine Arbeitsanweisung mit drei roten Linien.
  4. Leg als dritte Datei ein leeres Inhaltsverzeichnis für das Gedächtnis an.
  5. Arbeite eine Woche damit, und jedes Mal, wenn du etwas zum zweiten Mal erklärst, sagst du „Merk dir das“.

Erweiterungen und Automatik lässt du am Anfang weg, die kommen dann, wenn du sie wirklich vermisst, und nicht vorher.

Frage für dich

Ein Agent kann dir zeigen, wohin du läufst, aber weißt du selbst, wofür?