Elvid Srebric

Beruf und KI · 03 Erlaubnis

Du brauchst niemanden, der dir das Lernen erlaubt.

Können, Dürfen, Wollen: warum die größte Lücke oft die eigene ist und wie du sie findest.

Lesezeit etwa 4 Minuten

Es gibt eine Lücke, über die kaum jemand spricht, und zwar nicht die zwischen dem, was du kannst, und dem, was gebraucht wird, sondern die zwischen dem, was du kannst, und dem, was du tatsächlich tust.

Wir reden ständig über Skills, also welche du brauchst, welche bald wertlos sind und welcher Kurs dich zukunftssicher macht, dabei ist das Können nur selten der Engpass.

Können, Dürfen, Wollen

Ob jemand etwas tut, hängt von drei Dingen ab:

Diese drei addieren sich nicht, sie multiplizieren sich. Wer alles kann und alles will, aber nicht darf, tut am Ende nichts, und wer darf und will, aber nicht kann, scheitert schnell.

Können × Dürfen × Wollen. Ist ein Faktor null, ist alles null.

Fast alle Angebote rund um Weiterbildung zielen auf das Können, also noch ein Kurs und noch ein Zertifikat, während das Dürfen und das Wollen unberührt bleiben, und deshalb ändert sich so oft so wenig.

Die Erlaubnis, die ich mir nie gegeben habe

Ich hatte über viele Berufsjahre einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub, den es in fast allen Bundesländern gibt, meistens mit fünf Arbeitstagen pro Jahr für anerkannte Weiterbildung,1 und ich habe ihn kein einziges Mal genutzt.

Verboten hat es mir niemand, die Erlaubnis stand schwarz auf weiß im Gesetz, aber ich habe sie mir selbst nicht gegeben.

Ich erzähle das nicht, damit du jetzt Bildungsurlaub beantragst, sondern weil es zeigt, wie diese Lücke funktioniert. Sie liegt oft nicht da, wo wir sie vermuten, also nicht bei den anderen, sondern bei uns selbst.

Zu Hause brauchst du niemanden, der Ja sagt

Im Job entscheiden oft andere, was du darfst, zum Beispiel welche Werkzeuge erlaubt sind, wer an welchem Projekt arbeitet und wer zu welcher Schulung geht, und daran kannst du kurzfristig wenig ändern.

Zu Hause ist das anders, denn dort muss dir niemand erlauben, abends eine halbe Stunde mit einer KI zu üben, niemand bewertet deine ersten, ungeschickten Versuche, und niemand fragt, ob das in deiner Stellenbeschreibung steht. Das Dürfen liegt dort komplett bei dir.

Und trotzdem fangen viele nicht an, weil dann nicht die Erlaubnis von außen fehlt, sondern die von innen, und die klingt oft so:

Jeder dieser Sätze klingt vernünftig, und jeder davon ist eine Erlaubnis, die du dir nicht gibst.

Und das Wollen?

Das Wollen lässt sich nicht verordnen, aber man kann es finden, und zwar meistens nicht in der Frage „Soll ich KI lernen?“, sondern in einer konkreteren. Was würdest du mit zwei freien Stunden pro Woche anfangen, wenn dir eine KI die lästigste Aufgabe abnimmt, und was würdest du dich trauen, wenn du wüsstest, dass dir jemand beim ersten Entwurf hilft?

Wenn darauf eine Antwort kommt, die dich berührt, hast du dein Wollen gefunden.

Probier das diese Woche

  1. Schreib ein Vorhaben auf, das du schon länger aufschiebst, egal ob beruflich oder privat.
  2. Bewerte Können, Dürfen und Wollen jeweils von 0 bis 10.
  3. Schau auf den niedrigsten Wert, denn das ist dein Engpass und nicht die anderen beiden.
  4. Wenn es das Dürfen ist, schreib auf, wer dir die Erlaubnis verweigert, und wenn da dein eigener Name steht, weißt du, wo du anfangen kannst.

Die meisten Türen sind nicht verschlossen. Wir haben nur nie die Klinke gedrückt.

Frage für dich

Auf welche Erlaubnis wartest du gerade, die du dir längst selbst geben könntest?

Quellen

  1. Bildungsurlaubs- bzw. Bildungsfreistellungsgesetze der Länder; keine Regelung in Bayern; in Sachsen gilt ein Bildungsfreistellungsgesetz ab 1. Januar 2027 (drei Tage pro Jahr). Stand Oktober 2026.