Elvid Srebric

Entwicklung · 01 Anfangen

Du wirst dich nie bereit fühlen.

Warum dich das Warten auf den richtigen Moment mehr kostet als ein schlechter Start, und wie du anfängst, obwohl die Angst noch da ist.

Lesezeit etwa 5 Minuten

Du kennst diese Sätze wie „Wenn die Kinder größer sind“, „Wenn im Job wieder Ruhe ist“, „Wenn ich das richtige Equipment habe“ oder „Wenn ich mich sicherer fühle“. Jeder einzelne klingt vernünftig, aber zusammen ergeben sie ein Leben im Wartezimmer.

Das Problem ist nicht, dass du faul bist oder zu wenig willst, sondern eine Annahme, die fast alle von uns teilen, nämlich dass zuerst das Gefühl kommt, bereit zu sein, und danach der Start, obwohl es in Wahrheit genau umgekehrt ist.

Bereitschaft kommt nach dem Start

Angst ist kein Stoppschild, sondern eher ein Begleiter, und sie wird nicht kleiner, weil du lange genug wartest, sondern weil du etwas ein paar Mal getan und gemerkt hast, dass du es überstehst. Wer wartet, bis sie verschwunden ist, gibt ihr genau das, was sie braucht, nämlich Zeit.

Die Menschen, die dir mutig vorkommen, haben selten weniger Angst als du, sie haben nur gelernt zu handeln, während die Angst mit im Raum ist, und das ist keine Charaktereigenschaft, sondern Übung.

Ich war nicht qualifiziert

2013 war ich Anfang dreißig und hatte gerade das Autohaus meines Vaters verlassen, als ich in einem Einkaufszentrum einen der ersten Apple Stores in Deutschland entdeckt habe. Ich bin hineingegangen, habe gefragt, ob sie Leute suchen, und mich dann für den Verkauf beworben, wobei meine Bewerbung ehrlich gesagt ein ziemliches Durcheinander war.

Eine Woche später rief eine Recruiterin an, und ich habe ihr erzählt, dass ich mir einen Mac gekauft hatte, um mir Final Cut Pro beizubringen, Filme zu schneiden und 3D-Animation zu lernen, alles selbst beigebracht. Daraufhin meinte sie, ich solle mich als Trainer bewerben.

Mein erster Gedanke war, dass ich dafür nicht qualifiziert bin, weil ich noch nie jemanden trainiert hatte und auf drei Trainerstellen über tausend Bewerbungen kamen. Nach vier Gesprächen hatte ich die Stelle trotzdem.

Gesucht wurden nämlich keine fertigen Trainer, sondern das, was man schwer beibringen kann, also Geduld, Empathie und das Talent, fremden Menschen die Scheu davor zu nehmen, Anfänger zu sein. Die Recruiterin hat in mir etwas gesehen, das ich selbst nicht gesehen habe.

Qualifikation ist nicht das Tor. Sie ist die Folge.

Die Liste der Anforderungen, ob in einer Stellenanzeige oder in deinem Kopf, beschreibt selten, was wirklich gesucht wird, sondern meistens das, was gestern gebraucht wurde.

Zehn Jahre Ausreden

Dasselbe Muster kenne ich nicht nur aus dem Job. Zehn Jahre lang wollte ich Videos machen, und obwohl ich sogar im Videoschnitt gearbeitet hatte, stand ich nie selbst vor der Kamera. Mal fehlte das Licht, mal die Kamera, mal der Ton, und dann war ich nicht rasiert, die Frisur saß nicht oder die Stimme klang komisch. Irgendwann war alles da, und ich habe trotzdem nicht angefangen.

Mein erstes Video ging im September 2026 online, als ich 45 war, und hatte anfangs 27 Aufrufe.

Darin steckt der zweite Denkfehler, denn wir überschätzen das Publikum und stellen uns vor, dass alle zuschauen und urteilen, obwohl am Anfang kaum jemand zuschaut. Das fühlt sich erst ernüchternd an, bis du merkst, dass es eigentlich eine Erlaubnis ist, weil du schlecht sein darfst, solange es fast niemand sieht, und genau in dieser Zeit besser wirst.

Senk den Einsatz, nicht die Latte

Oft heißt es, du bräuchtest mehr Mut, aber hilfreicher ist meistens ein kleinerer Einsatz. Je kleiner der erste Schritt ist, desto weniger kostet es, wenn er schiefgeht, und was wenig kostet, macht auch weniger Angst.

Als ich mit dem Laufen angefangen habe, konnte ich keine 100 Meter laufen, ohne außer Atem zu sein. Mein Ziel ist ein Halbmarathon, aber das Training hat nicht mit 21,1 Kilometern begonnen, sondern mit dem, was an diesem Tag eben ging.

Die Latte darf also ruhig hoch liegen, solange der erste Schritt lächerlich klein sein darf.

Bau dir Speicherpunkte

In Videospielen gibt es Speicherpunkte, sodass niemand, der scheitert, ganz von vorne anfangen muss, sondern beim letzten gespeicherten Stand weitermacht. Deshalb probieren Kinder im Spiel ohne Angst immer wieder, weil ein Fehler sie ein paar Sekunden kostet und nicht alles.

Im Leben fehlen uns diese Punkte oft, und ein Rückschlag fühlt sich dann wie „Game over“ an. Du kannst sie dir aber selbst bauen, indem du dein Vorhaben in Etappen teilst, die für sich zählen, und festhältst, was du schon geschafft hast, denn dann kostet dich ein schlechter Tag nur einen Schritt und nicht den ganzen Weg.

Probier das diese Woche

  1. Schreib den Satz auf, mit dem du gerade aufschiebst, also „Wenn …, dann fange ich an“, und streich danach das „Wenn“.
  2. Finde die kleinste Version, die du in den nächsten sieben Tagen schaffst, und zwar so klein, dass Scheitern nichts kostet.
  3. Leg deinen ersten Speicherpunkt fest, indem du aufschreibst, woran du nach dem ersten Schritt erkennst, dass du weitergekommen bist.
  4. Erzähl einem Menschen davon, nicht für Applaus, sondern damit es real wird.
Zum AusdruckenVom Wenn zum JetztEin Vorhaben, der Satz, mit dem du aufschiebst, die kleinste Version und fünf Speicherpunkte.
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Bereitschaft ist kein Gefühl. Sie ist eine Entscheidung, die du triffst, während die Angst noch da ist.

Frage für dich

Was hast du schon einmal angefangen, bevor du bereit warst, und wie ist es ausgegangen?