Elvid Srebric

Entwicklung · 02 Die Stimme im Kopf

Du redest mit dir, wie du mit niemandem reden würdest.

Woher die Angst vor Fehlern kommt, warum sie im Erwachsenenleben weiterläuft und wie du die Stimme leiser drehst, die dich bremst.

Lesezeit etwa 3 Minuten

Hör einmal genau hin, wie du mit dir sprichst, wenn etwas schiefgeht, zum Beispiel mit Sätzen wie „Typisch“, „Wie kann man nur so blöd sein“ oder „Lass es lieber, das wird eh nichts“.

Würdest du so mit einem Freund reden, mit einer Kollegin oder mit deinem Kind? Wahrscheinlich nicht, aber mit dir selbst tust du es jeden Tag, und meistens merkst du es nicht einmal.

Ein Gesprächspartner, den du sonst längst gemieden hättest

Bei mir klingt diese Stimme so: „Du bist 45, dein Zug ist abgefahren.“ So habe ich noch nie mit einem Menschen gesprochen, und würde jemand in meinem Leben so mit mir reden, hätte ich den Kontakt längst abgebrochen. Mit der Stimme in meinem Kopf habe ich aber jahrelang weitergeredet, als wäre das ganz normal.

Das Tückische ist, dass sie nicht wie ein Angreifer klingt, sondern wie die Vernunft. Sie sagt nicht „Du bist wertlos“, sondern „Sei realistisch“, und weil sie mit deiner eigenen Stimme spricht, hältst du sie für die Wahrheit.

Wo sie herkommt

1994, auf dem Heimweg von der Schule, hatte ich wieder eine schlechte Note in Englisch und wusste schon, dass sie schlechter war als die der anderen. Ich war still, während die anderen geredet haben, und habe im Kopf bereits das Gespräch zu Hause geprobt.

Ich wurde darauf trainiert, Lob hinterherzulaufen und nicht dem Fortschritt, und so ging es den meisten von uns. In der Schule lernen viele nämlich nicht nur Vokabeln und Formeln, sondern auch eine Rechnung, die sich tief einbrennt:

Zwanzig Jahre später habe ich Tausende Menschen trainiert, und zwar auf Englisch, und irgendwann habe ich verstanden, dass Fortschritt nicht aus Zustimmung entsteht, sondern aus Reibung, aus Feedback und aus der Bereitschaft, lange genug unbeholfen auszusehen, um etwas wirklich zu lernen.

Warum sie im Erwachsenenleben weiterläuft

Die Rechnung aus der Schule hört nicht auf, wenn du das Zeugnis in der Hand hast, denn aus Noten werden Beurteilungen, aus Lehrern werden Vorgesetzte und aus der Klasse wird das Team, während die Frage dieselbe bleibt, nämlich wie du in den Augen der anderen aussiehst.

Also holen wir uns Bestätigung, statt Selbstvertrauen aufzubauen, warten auf Erlaubnis, statt zu üben, sagen weniger, als wir denken, und fragen weniger, als wir wissen wollen. Das zeigt sich im Job, in Beziehungen und manchmal sogar darin, wie wir unsere eigenen Kinder erziehen.

Der Preis fürs Dazugehören ist oft die Neugier selbst.

Die leise Stimme

Es gibt aber noch eine zweite Stimme, die sagt: „Das ist noch nicht alles.“ Sie war bei mir nie weg, sie war nur so leise, weil die andere so laut war.

Die laute Stimme wirst du nicht einfach abschalten können, aber du kannst aufhören, ihr automatisch recht zu geben, und dann bekommt die leise Raum.

Für mich gibt es dafür inzwischen einen sehr konkreten Grund:

„Was sollen die Leute denken?“ Mit dieser Scham bin ich aufgewachsen. Meinen Kindern gebe ich sie nicht weiter.

Probier das

  1. Schreib den Satz wörtlich auf, den die Stimme dir sagt, und frag dich, ob du so mit einem Freund reden würdest. Wenn nicht, schreib auf, was du einem Freund in derselben Lage sagen würdest.
  2. Frag nach der Herkunft, also wessen Satz das ursprünglich ist und von wem du ihn zum ersten Mal gehört hast.
  3. Prüf deine Identität, indem du dich fragst, welcher Teil von dir davon abhängt, als kompetent zu gelten, und welcher Fähigkeit du ausweichst, weil du nicht wieder Anfänger sein willst.
  4. Gib dir die Erlaubnis selbst, denn niemand anderes wird es für dich tun, und du brauchst dafür auch niemanden.
Zum AusdruckenStimmen-Protokoll · 7 TageEine Woche lang festhalten, was die Stimme sagt und was du einem Freund sagen würdest.
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Du brauchst keine Erlaubnis zum Scheitern. Du brauchst Raum zum Lernen.

Frage für dich

Wessen Stimme ist das eigentlich, die dir sagt, dass du das nicht kannst?