Entwicklung · 04 Lernen
Du musst nicht mehr lernen. Du musst anders lernen.
Warum Zertifikate dich nicht sicherer machen, was die Lernforschung seit Jahrzehnten weiß und wie du lernst, damit es bleibt.
Ob Python, Agile oder Design Thinking, ich habe jede Fähigkeit mitgenommen, die gerade gefragt war und Sicherheit im Job versprach, und Zertifikate gesammelt wie Trophäen.
Meine Sammlung sah beeindruckend aus, aber meine tatsächliche Wirkung war damals gering, weil ich so damit beschäftigt war, Wissen anzuhäufen, dass ich nie richtig gelernt habe, es auch anzuwenden.
Tiefer statt mehr
Gleichzeitig habe ich Kollegen beobachtet, die halb so viele „Skills“ hatten wie ich und mir trotzdem weit voraus waren, weil sie nicht mehr gelernt haben, sondern tiefer.
Das Sammeln fühlt sich produktiv an, und jedes Zertifikat ist ein kleiner Beweis, allerdings ein Beweis für andere und nicht für dich. Und wenn Software Wissen schneller verfügbar macht als jeder Mensch, verliert das reine Anhäufen ohnehin an Wert.
Was bleibt, ist etwas anderes, nämlich die Fähigkeit, schnell zu lernen, wieder umzulernen und das Gelernte auf echte Probleme anzuwenden.
Je mehr ich versucht habe, mich mit Zertifikaten abzusichern, desto zerbrechlicher wurde ich.
Warum wir langsam lernen
Wer langsam lernt, ist selten faul, meistens arbeitet einfach die Methode gegen den Kopf. Wir haben gelernt, Inhalte zu konsumieren, statt sie zu behalten, Kurse abzuschließen, statt Verhalten zu ändern, und produktiv auszusehen, statt wirksam zu lernen.
Dabei weiß die Lernforschung seit Jahrzehnten, was funktioniert:
- Abrufen schlägt Wiederlesen, denn wer sich selbst abfragt, behält mehr als jemand, der den Text noch einmal liest.1
- Verteilt schlägt auf einmal, weil kurze Wiederholungen über mehrere Tage besser wirken als ein langer Abend.2
- Erklären schlägt Auswendiglernen, denn was du jemandem erklären kannst, hast du auch verstanden.
- Anwenden schlägt Dabeisein, weil ein echtes Problem mehr lehrt als drei Stunden Zuhören.
Auch Schlaf gehört dazu, denn im Schlaf verankert das Gehirn, was du tagsüber aufgenommen hast,3 und wer am Schlaf spart, um mehr zu lernen, spart am falschen Ende.
Schreiben bringt Gedanken zu Ende
Jahrelang habe ich Tagebuch geschrieben, und es hat nie richtig funktioniert, weil es immer dieselben Tage, dieselben Gedanken und dieselben Schleifen waren. Nach ein paar Monaten fühlte es sich jedes Mal an, als würde ich nur mit mir selbst reden, und genau das war es auch.
Im Tagebuch weißt du ja schon, was du meinst, also musst du den Gedanken nie zu Ende bringen. Du schweifst ab, drehst dich im Kreis und lässt Dinge halb gesagt, weil du sie trotzdem verstehst.
Als ich angefangen habe, für andere zu schreiben, hat sich die Frage verändert, denn plötzlich ging es darum, ob jemand anderes das versteht und ob es außerhalb meines Kopfes Sinn ergibt. Dieser Druck, verstanden zu werden, erzwingt Klarheit, und dabei habe ich Zusammenhänge entdeckt, die ich vorher nicht gesehen hatte, zum Beispiel Muster in meiner Vergangenheit und Entscheidungen, die damals keinen Sinn ergaben und heute schon.
Für dich zu schreiben ist Denken. Für andere zu schreiben heißt, den Gedanken zu Ende zu bringen.
Meine Ideen skizziere ich immer noch von Hand, aber die Klarheit kommt erst, wenn ich sie für andere aufschreibe.
Wenn du festhängst: Fragen statt Ratschläge
Manchmal liegt das Problem nicht im Wissen, sondern in einem Kopf, der sich im Kreis dreht, bis der innere Monolog zur Echokammer wird. Dann hilft kein weiterer Ratschlag, sondern eine gute Frage.
Ein einfaches Gerüst dafür kommt aus dem Coaching, nämlich das GROW-Modell,4 das aus vier Fragen besteht:
- Ziel: Was will ich eigentlich erreichen?
- Realität: Wo stehe ich gerade wirklich?
- Optionen: Welche Wege gibt es, auch die unbequemen?
- Wille: Was mache ich als Nächstes, und wann?
Eine einzig richtige Antwort gibt es dabei nicht, sondern nur Wege, und welchen du auch wählst, er kann sich als richtig herausstellen oder nicht, und beides ist in Ordnung.
Probier das
- Nimm eine Fähigkeit und wende sie auf zehn echte Probleme an, und notier jedes Mal, was geklappt hat, was nicht und was dich überrascht hat.
- Erklär es jemandem, oder schreib es so auf, als würde es jemand anderes lesen.
- Teste dich, statt noch einmal zu lesen, und wiederhol es nach ein paar Tagen statt am selben Abend.
- Wenn du festhängst, geh die vier Fragen durch und schreib die Antworten auf.
Es geht nicht darum, mehr zu wissen. Es geht darum, schneller zu lernen, als sich die Welt um dich herum verändert.
Welche Fähigkeit hat erst Klick gemacht, als du sie jemand anderem erklären musstest?
Quellen
- Roediger, H. L. & Karpicke, J. D. (2006). Test-Enhanced Learning. Psychological Science, 17(3).
- Cepeda, N. J. u. a. (2006). Distributed Practice in Verbal Recall Tasks. Psychological Bulletin, 132(3).
- Stickgold, R. (2005). Sleep-dependent memory consolidation. Nature, 437, 1272–1278.
- Whitmore, J. (1992). Coaching for Performance. Nicholas Brealey.